Evangelische Kirchengemeinde
Essen-Altstadt

Andacht

Liebe Gemeinde, liebe Leserin, lieber Leser!

Da sitze ich in einem kleinen Motorboot zusammen mit meiner Frau Franziska und meiner Tochter Jorah und fahre durch das Donaudelta in Rumänien. Zusammen mit weiteren sieben Rumänen und Rumäninnen sind wir auf der Suche nach den großen Schwärmen an Pelikanen, die es hier geben soll. Doch bis jetzt ist von diesen nichts zu sehen. Langsam tuckert das kleine Boot um eine Biegung des Seitenarmes und auf einmal erstreckt sich vor uns eine weite Wasserfläche. Und darauf hunderte Pelikane, soweit das Auge reicht. Dieser Blick in die tiefste Natur, weit weg von Städten und Straßen, ein Ort voll Geborgenheit, wäre schon Anlass genug darüber eine Andacht zu schreiben. Doch eine alte Frau vor mir gewinnt meine volle Aufmerksamkeit. Sie zückt ihr Handy, doch nicht um Fotos zu machen, um diese später stolz präsentieren zu können, sondern um einen Anruf zu tätigen. Was folgt, ist auch weniger ein Gespräch, sondern ein Monolog. Was sie genau sagt, weiß ich nicht, aber am Klang ihrer Stimme gehe ich davon aus, dass sie genau beschreibt, was sie vor sich sieht. Zunächst noch ganz nüchtern und in einem sachlichen Tonfall, dann aber immer aufgeregter überschlägt sich ihre Stimme immer wieder. So als könnte sie gar nicht glauben, was sie da vor sich sieht. Ein Erlebnis, dass so besonders für sie ist, dass sie gar nicht anders kann, als es zu teilen.

Ich kann mir vorstellen, dass ein ähnliches Erlebnis der Autor oder die Autorin der Offenbarung dazu bewegt hat, den Monatsspruch des Oktobers aufzuschreiben:
„Groß und wunderbar sind deine Taten, Herr und Gott, du Herrscher über die ganze Schöpfung. Gerecht und zuverlässig sind deine Wege, du König der Völker.“ (Offb. 15,3)
Was für ein überschwängliches Lob. Was für eine wertvolle Erkenntnis, dass Gott der Herrscher über die ganze Schöpfung ist und König über alle Völker. Eine Hoffnung, die mir zurzeit nicht ganz einfach fällt. Oft habe ich mich in den letzten Monaten dabei ertappt, dass ich mir wünsche, dass Gott sichtbar in die Welt eingreift, Kriege beendet, Hungersnöte behebt, ins Wetter eingreift. Doch so ist die Herrschaft über Schöpfung und Völker von Gott nicht gemeint.

Der Gott des christlichen Glaubens ist ein Gott, der in der Schöpfung zu finden ist. Kein Herrscher von oben herab, der befiehlt und Gehorsam einfordert, sondern ein Gott, der dem Menschen im Leben begegnen will. Im Blick auf hunderte Pelikane in Rumänien, beim Liedersingen im Gottesdienst, beim Gespräch, beim Blick auf die Früchte am Erntedankfest und bei noch so vielen anderen Momenten.

Als ich das Telefonat der rumänischen Frau beobachtete, habe ich mich gefragt, wann ich das letzte Mal einen Moment hatte, an dem ich voll des Lobes auf Gott und seine Schöpfung war. Einen Moment, den ich mit der Welt teilen musste, weil ich so überwältigt war.
An einen kann ich mich ganz besonders erinnern. Als ich auf dem Ultraschallbild zum ersten Mal meine Tochter beobachtet habe. Sie hatte Schluckauf und ihr Herz pochte trotzdem ganz ruhig vor sich hin. Diesen Anblick konnte ich nicht für mich behalten, diesen Blick in Gottes Schöpfung.
Und dann sind mir mehr Erinnerungen gekommen. Blicke in den Sternenhimmel, Momente am Rhein, Gespräche mit besonderen Menschen, die mich geprägt haben. Nicht immer habe ich ein Loblied auf die Schöpfung angestimmt oder habe zum Telefon gegriffen, doch war ich überwältigt und gänzlich bewegt.
Haben Sie vergleichbare Situationen, große und kleine, an denen Sie die Schöpfung bewundert haben? Vielleicht noch gar nicht so lange her, vielleicht auch schon Jahre und Jahrzehnte her und doch Erinnerungen, die sich eingebrannt haben, weil sie etwas in Ihnen bewegt haben. Vielleicht fallen Ihnen auch direkt schon Situationen ein, vielleicht sind sie auch etwas verborgen.
Ich fand es sehr hilfreich, nach diesen in meinem Leben zu suchen. Und ich habe mir für den Oktober vorgenommen, wieder mehr auf solche Erlebnisse zu achten, meine Umgebung nach diesen abzusuchen, um diese mehr aufzuspüren. Vielleicht haben Sie ja Lust, es mir gleich zu tun und nach Gott in unserer Welt Ausschau zu halten. Ich bin gespannt, was für Momente Ihnen widerfahren und freue mich, mit Ihnen darüber ins Gespräch zu kommen.

Bleiben Sie gesegnet

-Jonathan Kohl-